Dieses Formular konnte nicht abgeschickt werden. Überprüfe bitte deine Angaben.
Erfolgreich gespeichert.
Phils Kolumne
Neues aus der Dampferwelt - von und mit Philgood

Den Unkenrufen zum Trotz

Es war im Herbst 2018 als mich Reno Sami zum ersten Mal kontaktierte. Reno ist der Leiter der „Suchthilfe Ost“, einer staatlichen Suchthilfeorganisation in der Region Olten, Schweiz. Und Reno hatte einen Plan, den er mit mir besprechen wollte.

Nun, ich war einigermassen erstaunt. Suchthilfestellen haben mit E-Zigaretten nichts am Hut, ganz im Gegenteil. Man kann fast täglich lesen wie wieder die eine oder andere Organisation unheilschwanger über den Gateway-Effekt schwadroniert und von einer „Einstiegsdroge“ berichtet. Nur die totale Abstinenz könne diese Sünder – also die Raucher – eventuell wieder auf den richtigen Weg bringen und dafür sollen sie jetzt Busse tun und leiden. Ok, das mag etwas überspitzt sein aber so in etwa kommt es hin. Sünde – Busse – Leiden. Der Preis des Seelenheils.

"Und dann sass ich ihm gegenüber, diesem Reno Sami und ich merkte vom ersten Moment an, dass ich komplett falsch gelegen war mit meinen Befürchtungen"
Und dann sass ich ihm gegenüber, diesem Reno Sami und ich merkte vom ersten Moment an, dass ich komplett falsch gelegen war mit meinen Befürchtungen. Dieser Mann war kein Schwadroneur und kein Apostel der eisernen Abstinenz um jeden Preis, sondern ein feiner Denker, der sich ein Leben lang mit Sucht und deren Folgen beschäftigt hat. Einer, der aus der täglichen Arbeit alle unschönen Seiten unserer Suchtgesellschaft kennt und der deshalb auch bereit ist, andere Wege in Betracht zu ziehen. „Harm Reduction“, also Schadensminderung ist das Stichwort.

Und so erzählte er mir von seinem Plan. Die Suchthilfe Ost wollte ein Programm starten, bei dem aufhörwilligen Rauchern kostenlos E-Zigaretten und entsprechende Beratungen angeboten werden. Die Raucher sollten begleitet und unterstützt werden, um die Tabakzigaretten durch die elektronische Variante zu ersetzen. Nach einer Erstberatung mussten sich die Klienten sporadisch wieder zu Gesprächen melden um von ihren Erfahrungen zu berichten und erhielten im Gegenzug weitere Tipps oder auch einfach nur die nötige Motivation um ihr Ziel zu erreichen.

Das war der Plan und ich war baff! Ich war begeistert, das war die richtige Idee und der richtige Ansatz. Natürlich, das E-Dampfen ist kein Entwöhnungs-Dingens wie Nikotin-Pflaster oder Kaugummis, es fordert keine Abstinenz, kein Leiden und keine Busse. Aber es hat Millionen von Rauchern geholfen auf das Rauchen zu verzichten. Einfach so. Eben, Harm Reduction halt.

In der Folge traf ich die Beraterinnen und Berater der Suchthilfe Ost und sprach mit ihnen über das E-Dampfen, über Geräte, Liquids, Gesundheit, über den Umstieg und die Gefahren eines Rückfalls. Ich war beeindruckt von der Motivation dieses Teams, vom Willen anderen Menschen zu helfen. Und dies obwohl es natürlich auch Zweifel an der Sache gab, „aber was, wenn das doch alles stimmt was in den Zeitungen steht?“ Ich versuchte Unsicherheiten auszuräumen und so viel Wissen wie möglich zu vermitteln, damit sie die Umsteiger entsprechend beraten konnten. Und dann war es plötzlich soweit, im Januar 2019 startete die Suchthilfe Ost ihr Programm und bot Rauchern E-Zigaretten für den Umstieg an.

14% sind Nichtraucher geworden

Das ging natürlich nicht ohne Nebengeräusche über die Bühne, die üblichen verdächtigen Stellen meldeten sich postwendend und monierten, dass dies ja wohl ein falscher Ansatz sei. Das sei nämlich gar keine „richtige“ Entwöhnung und sogar eher gefährlich, ein falsches Signal, man wisse halt nur sehr wenig, es gebe praktisch keine Studien und es dürfe kein Anreiz geschaffen werden. Die üblichen Unkenrufe halt. Aber die Suchthilfe Ost hatte das Projekt sehr umsichtig und sorgfältig aufgegleist, die Kritik perlte ab.

Im Mai dieses Jahres, 14 Monate später hat die Suchthilfe Ost nun die vorläufigen Daten ihres Programms präsentiert. Und diese sprechen eine deutliche Sprache. Von 99 Personen, die an der Beratung teilgenommen haben, sind heute 14 Personen Nichtraucher, das sind nach Adam Riese rund 14%. Zehn Personen hatten vorgängig angegeben, dass sie gar nicht mit dem Rauchen aufhören wollten, sondern dass sie den Tabakkonsum nur reduzieren möchten. Und trotzdem haben es 4 von ihnen quasi ungewollt geschafft, gar nicht mehr zu rauchen. Von allen Teilnehmer/innen (Anteil Frauen 36%), die mit dem Vorsatz eines Rauchstopps das Programm begonnen hatten waren somit 17,5% erfolgreich und rauchen heute keine Tabakzigaretten mehr. Das sind Zahlen, von denen andere Rauchstopp-Methoden nicht einmal zu träumen wagen. Egal ob Pflaster, Kaugummis, Medikamente, Akupunktur, Hypnose oder Seminare, die Erfolgsquoten bewegen sich immer ungefähr im Bereich von 3-9%. Eine ganz andere Hausnummer. Und ein Pionier-Programm, das hoffentlich weit herum Schule macht!

In diesem Sinne, gehabt Euch wohl und allzeit gut Dampf!

Euer Philgood
Phil alias Philgood - einer der bekanntesten Youtuber zur e-Dampfe und Liquid.
Philgood - Dampfpapst und seit 2012 fester Teil der liquid-schmiede

Über den Autor:
Phil Scheck ist 2010 vom Rauchen aufs Dampfen umgestiegen. Er gehört zur Dampfergemeinschaft der ersten Stunde und ist einer der wichtigsten und bekanntesten deutschsprachigen YouTuber zum Thema E-Dampfgeräte, Liquids und Politik. In unzähligen Reviews hat er Geräte, Verdampfer, Akkuträger und vieles mehr getestet und verfügt über ein umfassendes Fachwissen im Bereich des E-Dampfens.